AJW-Schwerin


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1995

Presse

Drei Jahre betreutes Jugendwohnen in Pokrent

Pokrent - Geht es um Jugendkriminalität in unserer in unserer Gesellschaft, schlagen die Wogen besonders hoch. Die Forderung nach höheren Strafen kann nicht immer die Lösung sein. Es gibt andere Wege, wie das Beispiel Alternatives Jugendwohnen seit drei Jahren in Pokrent zeigt.
Unscheinbar liegt sie neben der Dorfstraße in Pokrent, die Baracke der einstigen LPG. Im Wechsel von Laut und Leise dringen von dort die Musikhits nach draußen. Junge Leute müssen es sein, die hier wohnen. Doch wer drinnen eine Disco vermutet, irrt sich: Kerzenschein, Kuchen und ein ungezwungenes Beisammensein erwartet den Besucher. Täglich trifft man sich zum Kaffee und fast immer` kommen die Probleme des Alltags auf den Tisch. Auf den ersten Blick scheint alles normal, doch hinter dem gemtütlichen Kaffeeklatsch steckt ein durchdachtes Erziehungskonzept. Im Projekt Alternatives Jugendwohnen e.V: in Pokrent geht es seit drei Jahren u.a. darum, straffällig gewordenen Jugendlichen eine Perspektive zu geben.

Erziehung mit Akzenten
Vor vier Jahren gründete sich dieser Verein in Schwerin. "Zu starr erschien uns das Konzept aus DDR-Zeiten, das nur einen Weg kannte, den Jugendwerkhof und Vollzug", so Hannelore Michaelis. "Wir sprachen uns für eine Neugestaltung aus." Das heutige Jugendstrafgesetz sieht für die Betroffenen die Möglichkeit vor, zwischen Knast und betreutem Wohnen zu entscheiden. Nicht jeder verurteilte Jugendliche kommt in Betracht, diese Möglichkeit für einen Einstieg in ein neues Leben zu nutzen. In Pokrent leben keine Schwerverbrecher, sondern vielmehr junge Leute, die in ihrem alten Umfeld keine Chance haben.
Zwölf Jugendliche werden derzeit durch Hannelore Michaelis und ihre Mitstreiter betreut. Damit ist die obere Grenze erreicht. Wichtig bei dem Projekt ist die Unterordnung in der Wohngemeinschaft und das einander Respektieren. Kochen, Wäschewaschen tägliche Arbeit in der eigenen Werkstatt füllen den Tagesablauf. Zum Rückzug stehen aber die eigenen vier Wände bereit,die jeder selbst gestalten kann. "Bevor ein Zuzug erfolgt, stehen sechs Wochen Probewohnen an", so Michaelis . Danach kann der Betroffene entscheiden, ob er bleiben möchte.
Die Alternative dazu ist meist derKnast. 80 Prozent der Heimbewohner sind rechtskräftig verurteilt. "Sicherlich ist das Gefängnis notwendig, aber es gibt Wirksameres als den Strafvollzug", so Michaelis. Ihre Schützlinge wurden meist wegen Autodiebstahls und Körperverletzung verurteilt. Das Pokrenter Projekt gibt den Jugendlichen die Chance für einen Neuanfang ohne Strafvollzug aber nur, wenn sie es wirklich wollen. Einer von ihnen ist der 16 jährige Ronny. Er kommt aus Stralsund und wohnt seit drei Monaten in Pokrent.
Die Unterstützung, die wir hier bekommen ist schon Okey. Langeweile kommt auch nicht auf. Daß ich von Freunden weg bin, ist nicht so gut, aber ich glaube, daß dies der beste Weg ist." Gleich heben ihm sitzt Ronny aus Schwerin. Mit seinen 15 Jahren wohnt er schon seit fünf Monaten hier. "Zuvor war ich in fünf verschiedenen Heimen. Immer wieder gab es Streß mit den Erziehern. In Pokrent konnte ich endlich Vertrauen gewinnnen".Jetzt absolviert Ronny eine Lehre als Handelsfachpacker, und er ist sich darüber im Klaren:" Hier muß ich jetzt durch". Silvio aus Stralsund hat bereits ein Jahr Erfahrungen mit dem Vollzug gemacht." Ich habe auch schon mehrere Wohngemeinschaften durchlaufen und lehne diese mittlerweile ab. Nun bin ich seit eineinhalb Wochen in Pokrent, und ich muß sagen, diese Einrichtung ist Okay". Insgesamt 32 jugendliche Straftäter waren für kürzere oder längere Zeit in Pokrent. " Dabei gab es lediglich zwei Rückfälle mit einer Verschlimmerung der persönlichen Lage", so Regina Bohn. Die Mehrheit nutzte bislang diese Chance.Eigenes Leben, Partner und Familie stünden bei jenen im Vordergrund.dafür läßt das Konzept betreutes Wohnen auch genügend Freiräume. Für die Mitarbeiter heißt es, diese mit Leben zu füllen. So begleiten sie ihre Schützlinge zur Disco oder zur Rave-Party. Suche nach Partnern Den eigentlichen Schlüssel zum Erfolg sehen die Erzieher in der Schweriner Werkstatt, die mit drei weiteren Wohngruppen betrieben wird. Dieses Pilotprojekt Am Schweriner Grunthalplatz gibt allen Jugendlichen die Möglichkeit, sich auszu-probieren. Allein der Aha-Effekt " Ich kann etwas" trägt dabei zur Selbstfindung bei. Dies bei Jugendlichen, die bisher ohne Perspektive in die Sackgasse rannten. Aber für den Sandkasten will auch keiner mehr tätig sein. "Wir brauchen Partner". Schon allein deshalb, um dieses Pilotprojekt über das dritte Jahr hinaus weiterführen zu können", geben Michaelis und Bohn zu verstehen. Arbeit gibt es genug, und sei es nur das Bauen von Vogelhäuschen oder die Sanierung von Spielplätzen. Bislang hängt dieses zukunftsträchtige Projekt voll am Tropf der Arbeitsförderung. Die dabei erforderlichen Eigenmittel zu erbringen

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